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Anamnesegespräch in der FSP: Ablauf, Fragen und Beispieldialog

Kurz gesagt

Im ersten Teil der Fachsprachprüfung erheben Sie in rund 20 Minuten die Anamnese bei einer simulierten Patientin oder einem simulierten Patienten — ohne schriftliche Fallbeschreibung, nur mit Notizblock. Sie fragen die Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen sowie Familie und Lebensumstände ab, beantworten Patientenfragen sofort und in Alltagssprache und erklären am Ende Verdachtsdiagnose und weiteres Vorgehen. Bewertet werden Verständnis, Gesprächsführung und Ihr Deutsch, nicht die Richtigkeit der Diagnose.

Was die Kammern in Teil 1 verlangen

Eine schriftliche Fallvignette bekommen Sie in den Kammern mit dem Standardformat nicht. Nordrhein gibt zu Beginn „einen leeren Notizblock sowie einen Stift“ aus, die bayerische Aufgabenstellung lautet schlicht: „Führen Sie ein Anamnesegespräch mit einem (gespielten) Patienten durch.“ Vorab etwas zu lesen gibt es nur in Mecklenburg-Vorpommern (30 Minuten für einen Aufklärungsbogen) und Sachsen-Anhalt (Informationen 10 Minuten vor Beginn). Den Patienten spielt meist ein Mitglied der Prüfungskommission, oft eine Ärztin oder ein Arzt; in Nordrhein und Sachsen-Anhalt ist es ein Schauspieler.

Den Inhalt beschreiben Berlin und Bayern fast wortgleich: persönliche (Bayern: „körperliche“) Angaben erfassen, auf aktuelle Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamenten- und Familienanamnese eingehen, Verdachtsdiagnosen mitteilen und „bei Nachfragen erläutern“, Diagnostik und Therapie vorschlagen und die Maßnahmen erklären — mit „leicht zu verstehende[n] Bezeichnungen“ und, wo möglich, ohne Fachbegriffe. Niedersachsen nennt zusätzlich die Sozialanamnese und stellt klar: „auf die Richtigkeit der Diagnose kommt es bei der Bewertung nicht an“.

So bewertet Berlin Teil 1

Nur die Ärztekammer Berlin veröffentlicht ihren Bewertungsbogen. Teil 1 („Simulationsanamnese“) hat acht Kriterien mit je 0 bis 2,5 Punkten; volle Punktzahl 20, bestanden ab 12 — und in Berlin muss jeder der drei Teile diese Schwelle erreichen (mehr unter Bewertung). Die Kandidatin oder der Kandidat …

  1. stellt eine professionell-persönliche Kommunikation her,
  2. drückt sich klar und detailliert aus,
  3. hat eine gut verständliche Aussprache,
  4. weicht gewinnbringend von vorgegebenen Schemata ab,
  5. führt das Gespräch zielgerichtet und situationsbezogen,
  6. ist in der Lage, Sachverhalte flüssig zu erklären,
  7. versteht ihr/sein Gegenüber problemlos,
  8. erklärt das weitere Vorgehen verständlich und patientengerecht.

Kein Kriterium heißt „Vollständigkeit“. Eine vollständige Anamnese zahlt sich trotzdem doppelt aus: Was Sie hier nicht erfragen, fehlt Ihnen im Dokumentationsbogen und in der Fallvorstellung.

Der Ablauf in zwölf Schritten

  1. Begrüßung — Name und Funktion nennen, Ziel des Gesprächs erklären, dann die Personalien: Name (buchstabieren lassen), Geburtsdatum, Größe, Gewicht.
  2. Aktuelle Beschwerden — eine offene Frage, dann ausreden lassen.
  3. Symptom- und Schmerzanamnese — Ort, Ausstrahlung, Beginn, Verlauf, Charakter, Stärke, Auslöser, Begleitsymptome.
  4. Vegetative Anamnese — Fieber, Gewicht, Appetit, Durst, Stuhlgang, Wasserlassen, Schlaf, Nachtschweiß; bei Frauen die gynäkologische Anamnese.
  5. Vorerkrankungen und Operationen — immer mit Jahr oder Lebensalter.
  6. Medikamente — Name, Stärke, Einnahmeschema, Bedarfsmedikation, Pille, rezeptfreie Mittel.
  7. Allergien und Unverträglichkeiten — Auslöser und Reaktion.
  8. Noxen — Rauchen, Alkohol, Drogen, jeweils mit Menge und Dauer.
  9. Familien- und Sozialanamnese — Krankheiten in der Familie; Beruf, Familienstand, Wohnsituation.
  10. Zusammenfassung — kurz wiederholen und fragen: „Habe ich Sie richtig verstanden?“
  11. Patientenfragen — offene Fragen jetzt beantworten; alle früheren haben Sie schon im Moment beantwortet.
  12. Weiteres Vorgehen — Verdachtsdiagnose in Alltagssprache, geplante Untersuchungen und wie sie ablaufen, nächste Schritte.

Die Reihenfolge ist ein Gerüst, kein Skript. Erzählt die Patientin von sich aus von ihren Medikamenten, notieren Sie das und fragen später nur noch nach, was fehlt. In diese Richtung zielt auch das Berliner Kriterium 4: „weicht gewinnbringend von vorgegebenen Schemata ab“.

Fragenkatalog in Patientensprache

Block So fragen Sie Statt
Begrüßung „Guten Tag, mein Name ist …, ich bin die diensthabende Ärztin. Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen — ist das in Ordnung?“ —
Personalien „Wie ist Ihr vollständiger Name? Wie schreibt man das?“ „Wann sind Sie geboren?“ „Wie groß sind Sie, und wie viel wiegen Sie?“ —
Aktuelle Beschwerden „Was führt Sie heute zu uns?“ „Was beschwert Sie am meisten?“ „Was ist Ihr Leitsymptom?“
Ort, Ausstrahlung „Wo genau tut es weh? Zeigen Sie es mir bitte.“ „Zieht der Schmerz irgendwohin, z. B. in den Rücken?“ „Irradiation?“
Beginn, Verlauf „Seit wann haben Sie das? Kam es plötzlich oder langsam? Ist es seitdem besser oder schlimmer geworden?“ „Akut oder subakut?“
Charakter, Stärke „Wie fühlt sich der Schmerz an — drückend, stechend, brennend, krampfartig?“ „Wie stark ist er von 0 bis 10, wenn 10 der stärkste vorstellbare Schmerz ist?“ „Schmerzqualität und Intensität?“
Auslöser „Wann wird es schlimmer, wann besser — beim Essen, beim Gehen, im Liegen?“ „Provokationsfaktoren?“
Vegetativ „Hatten Sie Fieber? Haben Sie ungewollt abgenommen? Wie sind Appetit und Stuhlgang? Brennt es beim Wasserlassen? Schwitzen Sie nachts?“ „Dysurie? B-Symptomatik?“
Gynäkologisch „Wann war Ihre letzte Regelblutung? Könnten Sie schwanger sein? Wie verhüten Sie?“ „Gravidität?“
Vorerkrankungen, OPs „Welche Krankheiten haben oder hatten Sie? Wurden Sie schon einmal operiert — wann war das?“ „Z. n. Appendektomie?“
Medikamente „Welche Medikamente nehmen Sie — auch Pille, Spray, Salben oder etwas ohne Rezept? Wie viel Milligramm, und wann am Tag?“ „Dauermedikation?“
Allergien „Vertragen Sie ein Medikament oder ein Lebensmittel nicht? Was passiert dann?“ „Arzneimittelexanthem?“
Noxen „Rauchen Sie? Wie viele Zigaretten am Tag, seit wie vielen Jahren? Wie viel Alkohol trinken Sie in einer normalen Woche? Nehmen Sie Drogen?“ „Noxen? Packungsjahre?“
Familie „Gibt es Krankheiten, die in Ihrer Familie öfter vorkommen — am Herzen, Zucker, Krebs? Sind Ihre Eltern gesund?“ „Familiäre Disposition?“
Soziales „Was machen Sie beruflich? Mit wem leben Sie zusammen? Kommen Sie zu Hause zurecht?“ —
Abschluss „Ich vermute … Um das zu klären, machen wir … Das läuft so ab: … Haben Sie noch Fragen?“ „Wir machen eine Sonographie.“ (ohne Erklärung)

Die mittlere Spalte nutzt Wörter, die Patientinnen und Patienten verstehen; die rechte zeigt den Fachjargon, der in Teil 2 und 3 gehört, nicht ins Patientengespräch.

Beispieldialog: Bauchschmerzen rechts unten

Beispiel — fiktiver Fall. Grundlage ist der Übungsfall „Wandernder Unterbauchschmerz“ aus fsppruefung.de: Lisa Brandt, 26, Studentin, ängstlich, spricht schnell. Antworten und Patientenfragen stammen aus dem Fallskript; Geburtsdatum, Größe, Gewicht, Schmerzstärke, Familie und Wohnsituation sind für das Beispiel ergänzt. Der Dialog zeigt Sprache, keine medizinische Empfehlung.

1. Begrüßung und Personalien

Ärztin: Guten Tag, mein Name ist Dr. Haddad, ich bin die diensthabende Ärztin in der Notaufnahme. Ich möchte Ihnen einige Fragen zu Ihren Beschwerden stellen und mir dabei Notizen machen. Ist das in Ordnung?

Patientin: Ja, klar.

Ärztin: Wie ist Ihr vollständiger Name?

Patientin: Lisa Brandt.

Ärztin: Schreibt man Brandt mit „d-t“ am Ende?

Patientin: Ja, genau.

Ärztin: Danke, Frau Brandt. Wann sind Sie geboren, und wie groß und wie schwer sind Sie ungefähr?

Patientin: Am 3. Mai 2000. 1,68 Meter und 60 Kilo.

Ärztin: Was führt Sie heute zu uns?

Patientin: Ich habe seit gestern Bauchschmerzen, und heute ist es schlimmer geworden. Ich habe ein bisschen Angst, dass es der Blinddarm ist.

Warum das punktet: Die Ärztin stellt sich vor, holt das Einverständnis ein und lässt den Namen bestätigen — im Bogen muss die Patientin eindeutig zuzuordnen sein. Die Einstiegsfrage ist offen.

2. Schmerzanamnese und die erste Patientenfrage

Ärztin: Das kann ich gut verstehen, wir schauen uns das genau an. Wann haben die Schmerzen angefangen, und wo genau?

Patientin: Gestern Mittag fing es um den Bauchnabel an, so dumpf. Heute Nacht ist es dann nach rechts unten gewandert, und da tut es jetzt richtig weh.

Ärztin: Habe ich Sie richtig verstanden: zuerst um den Bauchnabel und seit heute Nacht rechts unten?

Patientin: Ja.

Ärztin: Wie fühlt sich der Schmerz jetzt an — drückend, stechend, krampfartig?

Patientin: Am Anfang war es dumpf, jetzt ist es eher stechend. Bei jeder Erschütterung tut es weh — im Bus musste ich fast weinen.

Ärztin: Wie stark ist er von 0 bis 10, wenn 10 der stärkste vorstellbare Schmerz ist?

Patientin: So 7. Ist das der Blinddarm? Ich hab das im Internet gelesen.

Ärztin: Eine Blinddarmentzündung ist möglich, aber Schmerzen rechts unten können auch andere Ursachen haben. Sicher sagen kann ich es erst nach einigen Fragen und Untersuchungen. Am Ende erkläre ich Ihnen genau, wie es weitergeht. Darf ich bis dahin weiterfragen?

Patientin: Ja, okay.

Warum das punktet: Die Schmerzwanderung wird mit „Habe ich Sie richtig verstanden …?“ abgesichert (Berliner Kriterium 7). Die Patientenfrage wird sofort beantwortet — ehrlich, ohne Diagnose zu versprechen, mit dem Alltagswort „Blinddarmentzündung“ statt „Appendizitis“.

3. Begleitsymptome und vegetative Anamnese

Ärztin: Haben Sie Fieber gemessen?

Patientin: Ich habe heute Morgen 38,2 gemessen.

Ärztin: Also achtunddreißig Komma zwei Grad. Ist Ihnen übel, oder mussten Sie sich übergeben?

Patientin: Mir ist übel, und einmal habe ich erbrochen. Appetit habe ich gar keinen, seit gestern.

Ärztin: Wie ist der Stuhlgang, und haben Sie Beschwerden beim Wasserlassen?

Patientin: Stuhlgang war gestern normal, heute noch gar nicht. Wasserlassen ist normal, kein Brennen.

Ärztin: Haben Sie gestern etwas Besonderes gegessen?

Patientin: Nichts Besonderes. Gestern Mittag Nudeln in der Mensa, aber meine Freundin hatte dasselbe, und ihr geht es gut.

Ärztin: Wann war Ihre letzte Regelblutung? Könnten Sie schwanger sein?

Patientin: Meine letzte Periode war vor zwei Wochen, ganz normal. Schwanger bin ich sicher nicht, ich nehme die Pille.

Warum das punktet: Die Zahl wird laut wiederholt — Fieberwerte sagt man mit „Komma“; „38 Punkt 5“ ist ein im Deutschen Ärzteblatt dokumentiertes Prüfungsbeispiel für genau diesen Fehler. Die Frage nach der Regelblutung ist sachlich und kurz.

4. Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Noxen

Ärztin: Haben Sie Vorerkrankungen, oder wurden Sie schon einmal operiert?

Patientin: Ich bin eigentlich gesund. Operiert wurde ich noch nie.

Ärztin: Nehmen Sie Medikamente — außer der Pille auch etwas gegen die Schmerzen?

Patientin: Nur die Pille. Und heute Morgen habe ich eine Ibuprofen genommen, aber die hat kaum geholfen.

Ärztin: Wissen Sie, wie viel Milligramm das war?

Patientin: Nein, die normale aus der Apotheke.

Ärztin: Haben Sie Allergien, zum Beispiel gegen Medikamente?

Patientin: Gegen Penicillin bin ich allergisch — da bekomme ich einen Ausschlag.

Ärztin: Penicillin, mit Hautausschlag — gut, dass Sie das sagen. Rauchen Sie, trinken Sie Alkohol?

Patientin: Ich rauche nicht. Alkohol nur selten auf Partys.

Warum das punktet: Die Ärztin fragt gezielt nach Schmerzmitteln und nach der Dosis; was die Patientin nicht weiß, wird als „nicht bekannt“ notiert statt geraten. Die Allergie wird mit Auslöser und Reaktion wiederholt.

5. Familie und Lebensumstände

Ärztin: Gibt es in Ihrer Familie Krankheiten, die öfter vorkommen?

Patientin: Nicht, dass ich wüsste. Meine Eltern sind gesund.

Ärztin: Sie studieren — wie wohnen Sie?

Patientin: In einer WG, mit zwei Freundinnen.

Warum das punktet: Die Ärztin knüpft an das an, was sie schon weiß („Sie studieren“), statt die Frage nach dem Beruf erneut zu stellen.

6. Zusammenfassung, Verdachtsdiagnose, weitere Patientenfragen

Ärztin: Frau Brandt, ich fasse kurz zusammen: Die Schmerzen haben gestern Mittag am Bauchnabel begonnen und sind heute Nacht nach rechts unten gewandert. Sie sind stechend, bei Erschütterung stärker, etwa 7 von 10. Sie hatten heute Morgen 38,2 Grad, Ihnen ist übel, Sie haben einmal erbrochen. Sie nehmen die Pille und sind gegen Penicillin allergisch. Stimmt das so, oder möchten Sie etwas ergänzen?

Patientin: Nein, das stimmt.

Ärztin: Nach dem, was Sie erzählt haben, denke ich zuerst an eine Entzündung am Blinddarm. Sicher ist das noch nicht. Deshalb untersuche ich gleich Ihren Bauch, wir nehmen Blut ab, untersuchen den Urin und machen zur Sicherheit einen Schwangerschaftstest. Danach machen wir einen Ultraschall vom Bauch — das tut nicht weh und dauert nur wenige Minuten.

Patientin: Muss ich operiert werden, und bleibt da eine große Narbe?

Ärztin: Wenn sich der Verdacht bestätigt, ist eine Operation meist die beste Behandlung. Das entscheiden wir zusammen mit den Chirurgen, wenn alle Ergebnisse da sind. Diese Operation macht man heute meistens mit einer Bauchspiegelung, also durch wenige kleine Schnitte — die Narben sind dann klein.

Patientin: Darf ich vorher noch etwas essen oder trinken?

Ärztin: Bitte essen und trinken Sie vorerst nichts. Falls operiert wird, muss der Magen leer sein. Flüssigkeit und ein Schmerzmittel bekommen Sie gleich über die Vene. Haben Sie noch Fragen?

Patientin: Nein, danke.

Warum das punktet: Die Zusammenfassung schließt mit einer Rückfrage, die der Patientin Raum zur Korrektur gibt. Verdachtsdiagnose, Untersuchungen und ihr Ablauf werden in Alltagssprache erklärt (Berliner Kriterium 8; Hessen: „wie diese ablaufen“). Beide Fragen werden direkt beantwortet, ohne die Entscheidung der Chirurgen vorwegzunehmen.

Fünf Fehler, die in Teil 1 Punkte kosten

Weitere typische Fehler aller drei Teile sammelt der Artikel Häufige Fehler.

Quellen

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